Bauernsterben

Die Mellnauer Landwirtschaft im Wandel der Zeit

Das Leben in den Dörfern hat sich weitreichend geändert. Einst waren Arbeit und Wohnen im Ort vereint, heute fahren die Bewohner zum Arbeiten in die Städte und die Dörfer erfüllen im Wesentlichen die Wohnfunktion. Das ‚Bauernsterben‘ bezeichnet laut Duden das »kontinuierliche Zurückgehen der Zahl bäuerlicher Betriebe durch Rationalisierung in der Landwirtschaft und Landflucht der jüngeren Dorfbewohner«. Diese Entwicklung, beschönigend gern als »Strukturwandel« umschrieben, treibt seit mehr als vier Jahrzehnten immer mehr Höfe dazu, sich entweder zu vergrößern oder aufzugeben. 

1 Michael Jesberg, 2 Martin Heldmann, 3 Ernst Busch, 4 Elisabeth Pitters, 5 Heinrich Sause, 6 Heinrich Schumacher, 7 Heinrich Balzer, 8 Christine Sauerwald, 9 Katharina Tittel

Die wichtigsten Veränderungen für das heutige Dasein der Dörfer begannen nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier expandierten die Dörfer durch Zuwanderungswellen von Flüchtlingen, die sich neben einem Wohnort auch Arbeitsstellen erhofften, aber auch von Zuwanderern aus den Städten, die gezielt die Idylle der Dörfer suchten. Auch Mellnau war seinerzeit bevölkerungsmäßig voll belegt. Ein gutes Viertel der damals 780 Einwohner waren Evakuierte und Flüchtlinge.

Als Folge war eine intensive Neubautätigkeit am Rande des Dorfes zu verzeichnen, wodurch sich Mellnau flächenhaft und bevölkerungsmäßig ausdehnte. Von den 551 „Einheimischen“ verfügten im Jahre 1950 101 über Bodenbesitz, d.h. fast jede Familie besaß ein Stück Land. Dieses Land war Grundlage der eigenen Versorgung –  69 von den 101 Familien besaßen Ackerflächen von weniger als 5 ha. Nur ein Betrieb bearbeitete mehr als 20 ha.

In den folgenden 30 Jahren bis 1980 hat annähernd die Hälfte der Leute ihr Land an die größeren Betriebe abgegeben, die sich damit weiter vergrößerten. Durch mehr Arbeitsplätze in Industrie, Handwerk und Dienstleistungsbetrieben und damit besseren Verdienstmöglichkeiten wurden die Höfe nur noch im Nebenerwerb bewirtschaftet oder die Landwirtschaft ganz aufgegeben.

1980 wurden 0,5 bis 5 Hektarflächen nur noch von 26 Betrieben bewirtschaftet. 7 Betriebe arbeiteten mit 20 ha und mehr.

Die 13 Vollerwerbsbetriebe bearbeiteten 1980 mit 280 ha mehr als 60 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche, den 48 Nebenerwerbsbetrieben verbleiben 180 ha zur Bewirtschaftung.  Von den 460 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche, waren 1956 70% Ackerland,  knapp 30% Wiesen und Weiden. Das Ackerland war zu 45% mit Getreide bebaut, zu knapp 20% mit Futterrüben und Kartoffeln und etwa 10% mit Klee und Luzerne.

Nach Auskunft der vorliegenden Quellen war in Mellnau neben der Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Nutzfläche, die Viehhaltung (Rindvieh, Schweine, Schafe) von großer Bedeutung. Die Vergleichszahlen von 1950 zeigen bereits deutlich den Weg zu größeren Betriebsstrukturen.

Nachdem die Fleischknappheit der Nachkriegszeit beendet ist, werden ab den 50er Jahren Schafe und Ziegen zunehmend nur noch als Hobbytiere gehalten. Die Bodenbearbeitung der Kleinbetriebe wird erst Jahre später – um 1960 – aufgegeben. Dieser Trend zur Konzentration der landwirtschaftlichen Produktion kennzeichnet die gesamte Entwicklung von 1950 bis heute.

Deutschlandweit hat sich die Zahl der Höfe von 1950 bis heute von 2 Millionen auf etwa 300.000 verringert. Damals war ein Viertel aller Arbeitnehmer in der Landwirtschaft beschäftigt. Ein einzelner Bauer ernährte zehn Menschen. Der Landwirt von heute ernährt 140 Menschen.

Der Strukturwandel speziell in Mellnau ist nicht darauf zurückzuführen, dass die Kleinbetriebe nicht konkurrenzfähig waren, sondern weil industrielle Arbeitsplätze bessere Verdienstmöglichkeiten und bessere Arbeitsbedingungen, wie Urlaub, regelmäßige Arbeitszeiten, 5 Tagewoche boten und deshalb keine Hofnachfolger mehr bereit waren, diese Belastungen auf sich zu nehmen.

Allein zwischen 1999 und 2007 hat der Zwang zum »Wachsen oder Weichen« zu Betriebsaufgaben um mehr als 20 Prozent geführt. So verringerte sich in diesem Zeitraum die Anzahl der landwirtschaftlichen Unternehmen in Deutschland um knapp 10.000 Höfe. In Mellnau gibt es heute noch 10 Milchkühe. Eine Handvoll Schweine werden noch in drei Ställen für Hausschlachtung gehalten. Von ehemals 101 landwirtschaftlichen Betrieben bewirtschaftet heute noch ein knappes Dutzend ihr Land.

Moderne Landwirtinnen und Landwirte sollen als »Agrarunternehmer« Höchstleistungen zu möglichst niedrigen Preisen erbringen. Tatsächlich haben sich die Erträge pro Hektar und Jahr in den vergangenen 100 Jahren mehr als vervierfacht. Dieser Trend betrifft Nutzpflanzen und landwirtschaftlich genutzte Tiere gleichermaßen.

Ein Beispiel: Die durchschnittliche Milchleistung einer Milchkuh lag Anfang des 20. Jahrhunderts bei etwas über 2000 Liter pro Jahr, heute sind es 8250 Liter/Jahr in Hessen. Die Legeleistung von Legehennen hat sich seit 1950 mit heute 293 Eiern pro Jahr mehr als verdoppelt. Immer größer, immer schneller, immer mehr, immer günstiger – der Druck auf die Land- und Lebensmittelwirtschaft ist enorm. Die Auseinandersetzungen um den Milchpreis bieten nur einen kleinen Einblick in die Landwirtschaft von heute, die zu einem beinharten Business zu verkommen droht. Doch der Strukturwandel hat nicht nur wirtschaftliche Folgen: Mit dem Wachstum steigt meist auch der Grad der Intensivierung. Dies wiederum wirkt sich nachweislich ungünstig auf die Bodengesundheit und Artenvielfalt sowie den Klima- und Ressourcenschutz aus.

Ja, der Landwirt von heute ist Unternehmer. Aber er kann und sollte mehr sein als das. Denn ein Hof ist nicht nur ein ökonomischer Betrieb, sondern auch Zuhause, Existenz, Heimat. Die Verbundenheit mit dem Land, von dem man lebt, das einen ernährt und das man pflegt, ist ein Grundpfeiler bäuerlicher Landwirtschaft und des Fortbestands von Familienbetrieben über mehrere Generationen hinweg. Ein nachhaltig wirtschaftender Bauer verdient Anerkennung für die vielfältigen, multifunktionalen Leistungen und Kulturaufgaben, die er übernimmt. Kultur leitet sich von den lateinischen Begriffen cultura (= Bearbeitung, Pflege, Ackerbau) und colere (wohnen, pflegen, den Acker bestellen, kultisch verehren) ab.

Die erste Kulturleistung des Menschen bestand darin, das eigene Überleben zu sichern, indem er das Land achtsam und nachhaltig nutzte. Die Bauern von einst waren Gestalter und Erhalter gleichermaßen, sie waren Begründer und Bewahrer von Traditionen und einem kostbaren Wissen über die vielfachen Abhängigkeiten der menschlichen Existenz innerhalb der Natur.

(li.-re.)1. Johannes Peuker, 2. Annemarie Schäfer, 3. Elisabeth Brössel geb. Hallenberger, 4. Maria Weide geb. Wagner, 5. Heinrich Wagner (Kind auf Arm) 6. Hermann Höck, 7. Elisabeth Höck, 8. Katharina Noll, 9. Elisabeth Roth, 10. Hermann Roth, 11. Bernhard Heck (Todenhausen), 12. Heinrich Hahn, 13. Karl Hallenberger, 14. Johannes Wagner, 15. Katharina Wagner, 16. Gertrud Sause (Schneiders) sitzend 17. Liesel Gärtner, geb. Wagner, 18. Jakob Dörnbach, 19. ??, 20. Ludwig Freiling, 21. Margarete Ruffert geb. Wagner, 22. Jost Wagner, 23. Elisabeth Schwertfeger geb. Wagner, 24. Margarete Ronsheimer geb.Sause

„Ich weiß noch, wie mein Vater Flachs angebaut hat. Unten, etwas seitlich vom Sportplatz, hatten wir so ein Flachsäckerchen. Die Frauen haben den gejätet –sie saßen oft tagelang auf den Äckern und machten den Dreck raus. Wenn der zur Reife war, wurde er gerupft und nach Hause gebracht. Die Körner wurden getrocknet und für die nächste Saat aufbewahrt. Was zuviel war, das gab Schrot für die Kälber. Der Flachs wurde gebündelt und kam in die „Rosen“, das waren Quelltümpel. Wir hatten drei Flachsrosen auf der „Holzburg“, wenn man die Pfingstweide runtergeht. Da wurde der Flachs reingelegt und mit Steinen beschwert und blieb so tagelang liegen. Dann wurden die Flachsbündel unten am Hang ausgebreitet. Wenn er trocken war, wurde er heimgebracht und auf der Breche gebrochen – das war eine Arbeit! Das haben wir bis zum zweiten Weltkrieg gemacht. Wir hatten ja auch unseren eigenen Webstuhl und die Frauen haben gesponnen.“

 

Quellen: Kritischer Agrarbericht 2012  Franz-Theo Gottwald u. Isabell Boegen / Spurensicherungsheft „Mellnauer Heimatgeschichte, 1982, A.Völk